Wie Daesh über die Welt spricht: zentrale Merkmale des Daesh-Diskurses

Der folgende Artikel ist eine deutsche Übersetzung. Das Original ist in der englischen Sprache verfasst worden und ist hier zu finden.  Vielen Dank an Pinar Ulumaskan für die Übersetzung!

Wenn ich Ihnen jetzt erzählen würde, dass Sie mit den Sahwat (الصحوات) verbunden sind, würde es Ihnen irgendetwas bedeuten? Würden Sie sich beschimpft, stolz oder vielleicht einfach nur irritiert fühlen? Selbst wenn Sie Arabisch sprechen könnten, würde die Beleidigung nicht sofort Sinn ergeben, da dieser Begriff in seiner Verwendung hier eine recht neue und esoterische Entwicklung darstellt. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, jemand würde jetzt anfangen den ägyptischen Präsidenten al-Sisi als „Taghut“ zu bezeichnen. Muslime würden die Bedeutung dieses Begriffs wahrscheinlich verstehen, da er im Koran vorkommt, Nicht-Muslime wären jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach ahnungslos. Um etwas Aufschluss darüber zu erhalten, müssen wir ein wenig Diskursanalyse betreiben und unser Augenmerk auf die Schlüsselbegriffe richten, die von Daesh und Daesh-Anhängern genutzt werden. Wir werden sehen, wie diese zwei Begriffe – Sahwat und Taghut/Tawagheet – von zentraler Bedeutung sind für das Weltverständnis von Daesh. Im Folgenden wird anhand einiger Äußerungen von Daesh-Führern und normalen Twitter-Usern dieser Diskurs aufgezeigt.

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Übersetzungen (sic) der 4 Tweets
T1: “al-Zarqawi hat gesagt, dass sie Europa bis 2006 erreicht hätten, hätte es diese Sahwat (Sunnitische Verräter) im Irak nicht gegeben.“

T2: „Jeder der mit so etwas wie ‚Emir von Twitter‘ ‚amir wilayah twitter‘ daher kommt ist ein Sahwa-Jünger. Sind alle Sahwat behindert?“

(Das Wort „Emir“ bedeutet so viel wie „Prinz“ und bezieht sich auf einen Befehlshaber in der frühislamischen Zeit; Unter „Wilayah“ versteht man Verwaltungsbezirke islamischer Staaten)

T3: „@sasha_alberouna Er hat immer Streit mit den Sahwat

T4: „@SyrianGirl1982 wirklich hmmmm das ist was die Amerikaner gesagt haben als sie die Sahwat im Irak trainiert haben“

Wir sollten mit dem vierten und somit letzten Tweet beginnen. Er führt den Begriff des „Sahwat“ auf seine jüngsten Wurzeln im Irakkrieg zurück. Der erste Tweet beschäftigt sich ebenfalls explizit mit der Geschichte und erwähnt Abu Musab al-Zarqawi. Nach der US-Invasion durchlitt der Irak von grausamer Gewalt und Instabilität geprägte Jahre, die immer noch andauern. Während dieser Zeit existierte bereits der Vorläufer von Daesh – die Al-Qaida im Irak, die im Juni 2006 zum Islamischen Staat im Irak wurde (Lister 39, 2015). Zarqawi war der Führer dieser Gruppe und drängte sie, so brutal wie möglich zu handeln. Jeder, der ihren Befehlen nicht Folge leistete, wurde zur Zielscheibe. Sunnitische Muslime waren von dieser Brutalität nicht ausgenommen und es kam zu gewaltvollen Zusammenstößen mit vielen sunnitischen Teilen der irakischen Gesellschaft, die die extremistischen und dschihadistischen Visionen der AQI nicht unterstützten. Die Gruppe betrieb Takfir, eine in der islamischen Theologie verankerte Praxis, die einen Muslim oder eine Gruppe von Muslimen der Apostasie bezichtigt. Dies führte zu einer Verschlimmerung der Probleme mit den einheimischen sunnitischen Muslimen –  von den Problemen mit nicht-Sunniten ganz zu schweigen.

Als Reaktion darauf erhoben sich einheimische Stämme der irakischen Provinz Al-Anbar und forderten den ISI (Islamischen Staat im Irak) heraus. Sie wollten ihre Gebiete zurückerobern. Diese Mobilisierung ist unter dem Namen des Sahwat bekannt. Im Kampf gegen Zarqawi und der AQI arbeiteten diese sunnitischen Gruppen mit den amerikanischen Streitkräften zusammen, um sie aus dem Irak zu drängen. In den von AQI kontrollierten Gebieten wurde mit der Einführung einer strikten Auslegung der Scharia bereits begonnen und führte dazu, dass die Einheimischen den Geduldsfaden verloren. Parallel zu dieser Entwicklung gab es einen Anstieg an U.S. Truppen mit der Zielsetzung, die Al-Qaida Präsenz niederzuschlagen und den Gewaltpegel zu verringern, da 2005 und 2006 sehr blutige Jahre waren. Von einheimischen Stämmen bestehende Koalitionen formierten sich somit zu Aufständen gegen den Vorläufer von Daesh (zunächst als AQI und dann als ISI). Dies führte dazu, dass diese Stämme nur noch als sunnitische Verräter verstanden wurden. Obwohl die Kampfhandlungen bis 2009 größtenteils endeten, hatten diese Erlebnisse prägende Auswirkungen auf Daesh und führten dazu, dass sie den Begriff – Sahwat- nutzten, um Sunniten zu beschreiben, die Daesh nicht unterstützten und/oder gegen ihn kämpften. Tatsächlich waren die Sahwat im Irak die wirksamste Kraft in der Mobilisierung gegen Daesh und kamen seiner Auflösung damals sehr nahe. Obwohl der Begriff des Sahwat spezifisch zur Beschreibung dieser einheimischen Stämme genutzt wurde, scheint es so, als würden ihn viele nicht mehr nur in dem Kontext anwenden. Das folgende Zitat zeigt auf wie dieser Diskurs einige Jahre später angeregt wurde:

„In der Tat ist die heutige Al-Qaida nicht mehr die Qaida des Dschihad und somit nicht mehr das Fundament des Dschihad. Diejenigen, die sie preisen, kommen aus den niedrigsten Reihen. Die Tyrannen liebäugeln mit ihr und die von Devianz und Fehlleitung geprägten versuchen, sie zu umwerben. Das Fundament des Dschihad ist nicht in den Reihen der Sahwat und der Säkularisten verankert. In der Tat hat die heutige Al-Qaida aufgehört, das Fundament des Dschihad zu bilden. Vielmehr wurde ihre Führung zur Axt, die die Zerstörung des Islamischen Staates und des kommenden Kalifats unterstützt.“

Abu Muhammad al-Adnani, al-Furqan Media, 17 April 2014, zit. nach Lister 2015.

 

Der obige Auszug einer Rede Abu Muhammad al-Adnanis (ein Daesh-Führer) ordnet den Begriff einem bestimmten Kontext zu und stellt ihn in einen Zusammenhang mit „Säkularisten“. Die Äußerung ist im Kontext des Syrien-Krieges zu verstehen. Der Sprecher verurteilt die Al-Nusra-Front (die quasi die Al-Qaida in Syrien darstellt) dafür, dass sie sich mit anderen Rebellengruppen verbündet, mit denen sie sich eigentlich nicht verbünden dürfte, da sie Säkularisten (damit ist die Freie Syrische Armee gemeint) sind oder zu den Sahwat gehören. Diese Zusammenschlüsse fanden am Ende brutaler Gefechte zwischen Daesh und einer aus anderen rebellischen Gruppen bestehenden Koalition statt, die von Ende 2013 bis Anfang 2014 andauerten. Die Angst unter den Anhängern und Unterstützern von Daesh war gestiegen und eine weitere Sahwat-Bewegung, die sie bekämpfen wollten, war bereits im Kommen. Die Verwendung des Sahwat-Begriffs hier kann aus einem weiteren Blickwinkel betrachtet werden. Bleiben wir bei der Definition der Sahwat als eine Auflehnung sunnitischer Stämme gegen eine Daesh-Herrschaft, die durch monetäre und militärische Hilfe aus den USA unterstützt wird. Somit ist es verständlich, warum Daesh diese Parallelen zu der Situation in Syrien zieht, in der die USA ebenfalls monetäre und militärische Hilfe an einige, jedoch nicht alle, Milizen unter den syrischen Rebellen leisteten. Diese Ängste machen Sinn, insbesondere in Anbetracht der weit verbreiteten Annahme (ob gut begründet oder nicht sei dahingestellt), dass die USA hinter den Kulissen weit aktiver waren bezüglich der Unterstützung der Dschihadisten und der Destabilisierung Syriens (um Assad zu stürzen).

Die obigen Tweets, die in der arabischen Sprache verfasst worden sind, heben einen weiteren Aspekt dieses Diskurses hervor. Beide Tweets ergänzen Sahwat durch das Wort „al-ridda“ und suggerieren damit ausdrücklich die Idee, dass die Sahwat eine aus dem Islam ausgetretene Gruppe von Menschen sind. Dies könnte so verstanden werden, dass damit der Deutungshoheit über den sunnitischen Islam Ausdruck gegeben wird. Sind muslimische Kritiker im Recht, wenn sie sagen, dass Daesh nicht mit dem Islam vereinbar ist? Für Daesh und seine Befürworter ist die Antwort auf diese Fragen nicht nur ein ganz klares Nein, der muslimische Status dieser Kritiker müsste ebenfalls in Frage gestellt werden. Für einige der obigen Anhänger war der Begriff des Sahwat genug, um dies zu vermitteln, andere hielten es für nötig „al-ridda“ hinzuzufügen. In beiden Fällen überwacht Daesh den islamischen Diskurs und stellt eine Verbindung zwischen der Sahwat und den USA bzw. der westlichen Welt her.

Die Tawagheet: Tyrannen laufen Amok

Gehen wir zurück zum Zitat Muhammad al-Adnanis, das ich an den Anfang dieses Textes gestellt habe. Es enthält nämlich das zweite Hauptmerkmal dieses Diskurses, das ich im Folgenden beleuchten werde. In der zweiten Zeile klagt der Autor über Al-Qaida und sagt:„die Tyrannen liebäugeln mit ihr“(im Englischen: „the tyrants flirt with it…“). Hier ist die englische Übersetzung des „Tyrannen“ aus dem arabischen Wort „Taghut“ bzw. „طاغوت“ übernommen worden. Das Wort geht zurück auf den Koran, in dem seine Bedeutung irgendwo zwischen „Tyranne“ und „Idol“ liegt.

TAGHUT: (n) Jemand, der „die Grenzen überschritten“ hat, ein RADIKALER ABTRÜNNIGER ist, und sich lautstark in seinem mangelnden Glauben an die „Religion des Friedens“ äußert.

— Bish Defiant Infidel (@defiant_infidel) 7 März, 2016
Ich war sehr überrascht, auf den obigen Tweet zu stoßen, der zwar explizit versucht, das Wort Taghut zu definieren, jedoch  keine akkurate Definition bietet. Es fällt auf, dass die Definition nicht wirklich das widerspiegelt, was man sich unter einem Tyrannen oder Idol vorstellt. Außerdem wird das Wort „radikal“ in einer Art und Weise benutzt, die einen gleich misstrauisch macht. Wie sich herausstellt, zielt dieser Account primär darauf ab, Hass gegenüber Dschihadisten zu äußern. Es handelt sich hier um jemanden, der den Begriff des Taghuts nicht benutzt, weil er nicht seiner Weltanschauung entspricht. Der untere Tweet ist ein besseres Beispiel dafür, wie der Begriff von Daesh-Anhängern instrumentalisiert wird:

Viele der friedlichen Protestanten sind jetzt Mudschaheddin auf dem Schlachtfeld und verteidigen die Front vor den Tawagheet, Alhamdulillah

— Dread Muslim (@Dread_mozleum) 7 März , 2016
Der Gebrauch hier ist deutlich in Übereinstimmung mit der Definiton eines Tyrannen, der seine Herrschaft in einer mit dem Islam unvereinbaren Weise ausübt. Im modernen Nahen Osten, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, kam dies des Öfteren vor. Viele postkoloniale Staaten wurden zu Monarchien, die nur Lippenbekenntnisse an den Islam ablegten (Marokko, VAE, Bahrain, etc.), oder aber zu militärischen Diktaturen (Syrien, Irak, Ägypten, Libyen). Für Daesh und seine Anhänger waren sie alle Tawagheet. Die Geschichte dieser Periode ab den 1970ern zeigt, dass viele verschieden Gruppen, wie zum Beispiel die Muslimbrüder, diese Machthaber oft gewaltvoll bekämpften. Der ägyptische Anwar Sadat wurde ermordet, Husni Mubarak überlebte einen versuchten Mordanschlag, und es folgten große Aufstände gegen Baschar Hafiz al-Assad in Syrien (1982) und Saddam Hussein im Irak (1991), wobei die letzteren Aufstände nicht wirklich mit den anderen vergleichbar sind. In meiner Vorlesung gehe ich näher auf das Thema ein. Sie können das Video hier abrufen, wenn Sie möchten.

Letztendlich sind diese Begriffe wichtige Elemente, um ein besseres Verständnis über Daesh zu erlangen. Zum einen zeigen sie das Weltverständnis dieser Gruppierung auf, zum anderen geben sie Aufklärung über die Gestaltung seiner Diskurse. Diskurse, die Gruppenidentitäten überwachen und Konkurrenten ausstoßen, sind nicht nur begrenzt auf Daesh. Man findet solche Begriffe in vielen verschiedenen Gruppen. Der englische Begriff „RINO“ (Republican in Name Only), der übersetzt so viel heißt wie „Republikaner nur auf dem Papier“, wird oft unter Anhängern von Donald Trump benutzt (er wird jedoch nicht nur ausschließlich von ihnen benutzt). Solche Diskurse verfügen über ein immenses Machtpotential, da sie nicht nur die menschliche Meinungsbildung und das Realitätsverständis beeinflussen, sondern auch von diesen geprägt werden. Die oben genannten Beispiele zeigen genau diese Wirkungsmechanismen auf, die in allen Sprachen ähnliche Funktionsweisen offenbaren.

 

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